Bühnenkrankheit
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„Nicht ist komischer, als wenn man aus den vormittägigen Straßen in den Abersinn einer Theaterprobe tritt“
~ Robert Musil über das Theater
Die Bühnenkrankheit ist eine psychologische Krankheit, die sowohl Menschen befällt, welche sich von Berufs wegen auf einer Theaterbühne bewegen, als auch das Personal, das hinter den Kulissen für einen reibungslosen Ablauf des Bühnenbetriebs sorgen soll.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Entstehung
Die Bühnenkrankheit ensteht bei allen Menschen, die sich über mehrere Jahre regelmäßig auf den Bühnen dieser Welt aufhalten, wird aber besonders häufig beim Personal subventionierter Theaterbetriebe diagnostiziert. Psychologen behaupten, dass der durch strenge Hierarchien geregelte und durch spezielle Eitelkeiten und Egoismen der Bediensteten belastete Betrieb eines Theaters, sowie das ständige Warten auf Nichts zum Ausbruch der Krankheit führt, Allgemeinmediziner hingegen suchen die Ursache eher in den physischen Belastungen der Mitarbeiter wie z.B. dem Entzug natürlichen Sonnenlichts, der ungesunden Kantinenernährung, Alkoholismus und Drogenmissbrauch sowie der mangelnden Bewegung.
[Bearbeiten] Symptome
Die auffälligsten, bisher festgestellten Symptome der Bühnenkrankheit sind:
[Bearbeiten] Nervenüberreizung
Betrifft in besonderem Maße das technische Personal einer Bühne und äußert sich in einem groben Tonfall der Arbeiter untereinander. Da es im Kulturbetrieb entscheidend ist, wer wem welche Anweisung gibt und das eigenständige Arbeiten und Entscheiden nicht üblich ist, kommt es bei Hierachieverletzungen - wenn z.B. der untergeordnete Tontechniker dem Beleuchtungsmeister sagt, er solle seinen „scheiß HMI-Scheinwerfer“ weghängen, weil sonst der linke Lautsprecher auf der Hinterbühne verdeckt sei - zu lauten Streitigkeiten unter dem Personal, die das Klima immer wieder kurzfristig und in manchen Kullturbetrieben auch nachhaltig vergiften, da sich der unfreundliche Tonfall zunehmend verselbstständigt und die Produktivität und Arbeitslust aller Beteiligten beschädigt.
Aber auch cholerisch veranlagte Regisseure leiden gelegentlich unter diesem Symptom, ausgelöst durch den Erwartungsdruck des Feuilletons, der eigenen Unfähigkeit, der Angst vor dem Scheitern und der chronischen Renitenz der Schauspieler und des Bühnenpersonals. Um ihre Nervosität zu kompensieren, lassen sie ihren Überdruck in Form von Schimpftiraden und cholerischen Anfällen an den Schauspielern und dem untergeordneten Personal ab.
[Bearbeiten] Schlaflosigkeit
Die Probleme und Unstimmigkeiten, aber auch die noch zu bewältigenden ästhetischen Hürden eines Theaterstücks werden von den Kulturschaffenden meistens von der Probe oder einer Aufführung mit in den Schlaf genommen und bringen die Erkrankten um eben diesen. Schlaflos und geplagt von kulturellen Alpträumen liegt der Kranke nächtens in seinem Bühnenschweiß und beginnt gelegentlich zu halluzinieren. Diese Halluzinationen können auch während der Proben auftreten, wenn das grelle Licht der Scheinwerfer plötzlich zu schrecklichen Fratzen mutiert oder die Schauspieler vor den Augen des Regisseurs zu fliegen beginnen
Schlimm wird es, wenn Regisseure nachts Einfälle haben und diese am nächsten Morgen voller Tatendrang realisieren wollen. Die im Traum erlebten, schlüssig scheinenden Antworten auf Inszenierungsfragen scheitern an der Unmachbarkeit ihrer Umsetzung oder am Widerstand der technischen Abteilungen und bringen den erkrankten Regisseur vollends zur Verzweiflung.
[Bearbeiten] Sprechdurchfall
[Bearbeiten] „Ich kann so nicht arbeiten“-Syndrom
Betrifft alle Berufsgruppen des Kulturbetriebs gleichermaßen und tritt immer dann auf, wenn persönliche Eitelkeiten und Interessen des Erkrankten besonders verletzt oder ignoriert werden bzw. Anforderungen gestellt werden, die dem vom Syndrom Befallenen unvereinbar mit seiner künstlerischen Integrität scheinen. Mit einem lauten Aufschrei platzt der Satz „Ich kann so nicht arbeiten“ aus dem Erkrankten heraus und wird oft noch durch ein „Ich reise ab“ unterfüttert. Regelmäßig führt dieses Symptom zum Abbruch einer Probe und zu endlosen, zeitvernichtenden Diskussionen unter den Streitparteien. Besonders in der Endphase einer Theaterproduktion benutzen erkrankte Regisseure die Ankündigung der eigenen Abreise immer wieder als finales Druckmittel, um Dinge durchzusetzen, die ihnen bis dahin aus Gründen der technischen oder finanziellen Unmachbarkeit verwehrt wurden. Doch schon nach der zweiten Ankündigung nimmt keiner den Regisseur mehr ernst und die leere Drohung verpufft im dunklen Theaterraum. Ist der ankündigende Regisseur in der Stadt, in der er inzeniert auch noch ansässig, wird die wiederholte Androhung der Abreise vollends zur lächerlichen Farce.
[Bearbeiten] Realitätsverlust
Bei großen Theaterproduktionen, deren Proben sich über mehrere Monate hinziehen erleiden die Erkrankten zunehmend einen Realitätsverlust. Inszenatorische Kunstgriffe und positive Ergebnisse, die man während der Proben gemeinsam erfunden und weiterentwickelt hat, werden in der Endprobenphase wenige Tage vor der Premiere als langweilig, schlecht und inakzeptabel empfunden, obwohl sie objektiv gesehen keiner weiteren Veränderung bedürften. Da der Reiz des Neuen sich aber im Probenalltag verloren hat und einer routinierten Probegeschäftigkeit gewichen ist, verwerfen die beteiligten Künstler viele der eingeprobten Routinen wieder und beginnen den Findungsprozess von vorne, was alle beteiligten Gewerke nicht selten in den schieren Wahnsinn oder die offene Meuterei treibt.
In aller Eile müssen nun neue Kostüme geschneidert, neue Bühnenmusik komponiert, neue Textpassagen einstudiert sowie neue Kulissen gezimmert werden und der Beleuchter darf die gänzlich veränderte Bühne noch einmal komplett neu ausleuchten. Die dadurch verursachten zusätzlichen Kosten treiben dem Intendanten und seinem Geschäftsführer die subventionierten Schweißperlen auf die Stirn und nicht selten führt dieser Realitätsverlust zu Verschiebungen oder sogar kompletten Absagen von Theaterpremieren.
[Bearbeiten] Verwahrlosung
Dieses Symptom wird besonders häufig bei Bühnenarbeitern aber auch bei vielen Schauspielern und Regisseuren festgestellt. Durch das ständige Herumlungern im Theaterbetrieb verliert der Erkrankte alle sozialen Kontakte außerhalb des Theaters, läuft nur noch in heruntergekommener Arbeitskleidung durchs Theaterleben, wäscht sich unregelmäßig und spricht übermäßig dem Alkohol und anderen Drogen zu, mit denen sich das hermetische Dasein besser ertragen lässt. Selbst in den arbeitsfreien Zeiten halten sich die Erkrankten hauptsächlich im Theater auf, sitzen in der Kantine, den heruntergekommenen Aufenthaltsräumen und Konversationzimmern herum und rauchen, spielen Karten, trinken Alkohol, sehen fern oder stieren einfach nur ins Leere.
Der weitverbreitete Alkoholismus unter den Kulturschaffenden kann besonders anschaulich auf den Abendproben beobachtet werden. Lallende, bekiffte oder durch Kokain extrem beschleunigte Regisseure rufen wirre Anweisungen in die Tiefe der Hinterbühne und beschwipste bzw. volltrunkene Schauspieler werfen alle bis dahin getroffenen Absprachen über Bord, setzen die Souffleuse aufgrund ihrer alkoholbedingten Amnesie unter Dauerstrom, brüllen aus dem Kontext gerissene Wortfetzen in den Raum und reißen sich in ihrem enthemmten Zustand die Probenkostüme vom Leib, immer in der Überzeugung, sie hätten soeben den entscheidenden Schritt in ihrem Rollenfindungsprozess getan. Bei der nächsten Morgenprobe ist der Erfindungsreichtum des Vorabends allerdings meistens einer verkaterten, lustlosen Nüchternheit gewichen und der Rollenfindungsprozess beginnt erneut oder wird durch einen kollektiven Anfall von Sprechdurchfall ersetzt.
Der körperliche Verfall der Erkrankten wird durch den täglichen Verzehr des glutatmatverseuchten und fettreichen - dafür aber subventionierten - Kantinenessens noch beschleunigt und führt in Kombination mit den psychischen Belastungen in der Regel zu einem Sozialkassenverträglichen Frühableben.
[Bearbeiten] Selbstüberschätzung
Erfolgreiche Intendanten, Regisseure und Schauspieler werden nach längerem Aufenthalt im Kulturbetrieb von diesem Symptom ereilt und halten in Folge dessen alle ihre Einfälle und Geistesblitze für unfehlbar und geschichtsträchtig. Die Kritikfähigkeit nimmt rapide ab und das „Ich kann so nicht arbeiten“-Syndrom verschlimmert sich zunehmends, wenn ihre Einschätzung der Lage bzw. Gestaltung der Dinge nicht uneingeschränkte Anerkennung und Zuspruch findet.
Aber auch viele Tontechniker, sowie Bühnen- und Beleuchtungsmeister meinen, ihre Art der Berufsausübung wäre einzigartig und würde dem Theaterbetrieb den entscheidenden ästhetischen Kick verleihen, in Folge dessen sie versuchen, möglichst viele Inszenierungen an sich zu reißen und sich für diese unentbehrlich zu machen. Fallen diese Unentbehrlichen aufgrund von Krankheit oder Urlaub einmal aus, dilettieren die ahnungslosen Ersatzleute oftmals vor sich hin, was für die betreffende Inszenierung das Waterloo bedeuten kann.
[Bearbeiten] Nörgelei
Fast alle Menschen, die längerfristig am Theater beschäftigt sind, verfallen in ein chronisches, von Misanthropie geprägtes Nörglertum, das sich regelmäßig in diffusen Hasstiraden entlädt, die aber nicht zur Verbesserung des seelischen Zustands des Theaternörglers führen. Dabei braucht der vom Nörglertum Befallene unbedingt einen Ansprechpartner für seine Entladungen, um das Gefühl zu haben, jemand hätte ein Ohr für seine Sorgen. So kann es passieren, dass ein Gastkomponist, der - an einem Tisch in der Theaterkantine sitzend und seine Partituren mit Kaffee bekleckernd - zufällig Zeuge eines Telefongesprächs wird, das ein chronisch entnervter Beleuchtungsmeister auffallend lautstark mit einem seiner Kollegen führt und daraufhin Opfer des Theaternörglers und seines Sermons wird. Um Mitgefühl zu äußern, sagt der Komponist zum Beleuchtungsmeister: „Klingt nach Problemen“ - das hätte er besser nicht getan, denn angestachelt vom eigentlich nicht vorhandenen Interesse des Komponisten an seinen Nöten läuft der Beleuchtungsmeister nun zur Höchstform auf und textet den armen Musiker mit all den theaterinternen Problemen zu, die ihn seit Jahrzehnten in den Wahnsinn treiben. Dabei erfährt der verstörte Musikant nun Dinge, die ihn überhaupt nicht interessieren:
- Dass die Beleuchtungsanlage auf einem vorsintflutlichen Stand der Technik sei
- Dass das Betriebsklima unerträglich sei
- Dass der Bürgermeister sich nicht für das Theater interessiere
- Dass der Aufenthaltsraum der Bühnentechniker ein Drecksloch sei
- Dass der Intendant schwul sei
- Dass der neue 2 KW-Scheinwerfer nicht funktioniere
- Dass die Theaterakustik miserabel sei aber besser sein könnte, hätte man bei der Sanierung des Theaters auf den Beleuchtungsmeister gehört
- Dass das Kantinenessen ungenießbar sei
- Dass das Bier aus dem Zapfhahn der Kantine nach Pennerbier schmecke
- Dass die Kollegen vom Ton alles Alkoholiker seien
- Dass er wegen des schlechten Einflusses der Tonkollegen auf ihn nun selbst ein Alkoholproblem habe
- Dass man so nicht arbeiten könne
- Dass man so auch nicht arbeiten solle
- Dass man aber dennoch arbeiten würde, da man ja sonst das Haus gleich zumachen könne und wer wolle das schon
- Dass sein Küchentisch kaputt gegangen wäre
- Dass seine Frau einen anderen hätte
- Dass das Leben beschissen sei
- Und überhaupt
Derart zugetextet schreibt der Komponist nun am Kantinentisch ein abstraktes Requiem und läuft damit zur Probe, um es seinem Regisseur zu präsentieren. Der Regisseur bekommt darüber einen Tobsuchtsanfall und verfällt in den bereits erwähnten Sprechdurchfall.
[Bearbeiten] Therapie
Eine wirksame Therapie gegen die Bühnenkrankheit konnte bisher - außer dem radikalen Metier- oder Berufswechsel - nicht gefunden werden. Förderlich für eine Genesung können auf jeden Fall eine gesunde Ernährung und ausreichende Frischluftzufuhr sein, ein abstinentes Leben sowie regelmäßiger Urlaub vom Theaterbetrieb, während dem die Erkrankten spüren, dass es auch noch andere Prioritäten im Leben geben kann. Der Versuch, soziale Kontake außerhalb des Theaters zu finden, gelingt zwar nur den wenigsten Erkrankten, wird aber von Bühnenpsychologen als genesungsförderlich angesehen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Erkrankte seinen Horizont radikal erweitert, da sich soziale Kontakte mit normalen Menschen nur knüpfen lassen, wenn gemeinsame Gesprächsthemen existieren, die frei von Theaterinternas und pseudointellektuellem Geschwafel sind.
[Bearbeiten] Siehe auch
- Selektive Wahrnehmung
- Brett vorm Kopf
- Alkoholismus
- Halluzination
- Musiker
- Minderwertigkeitskomplex
- Warten auf Godot
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Artikel der Woche 16/2007
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